Montag, 29. Januar 2018

Der Niedergang des Gehobenen

Die vornehme Welt ist im Niedergang begriffen. Für Snobs ist diese Erkenntnis nicht neu. Die Liste der gehobenen Dinge die in den letzten zwei Jahrzehnten verschwunden sind oder ihren Sinn ver­ändert haben wird jedoch immer länger. Der aktuelle Stand (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Luxuszüge (der TEE war der letzte seiner Art),
Ge­päck­trä­ger (fin­det man nur noch sehr selten),
die Concorde (die letzte Maschine ist unrühmlich abgestürzt),
Bord­ser­vice im Flugzeug (kostet jetzt extra),
Wildfang-Kaviar (Arten­schutz),
Kapitänsdîner auf Kreuz­fahr­ten (einfach abgeschafft),
Spiel­casinos (heute nur noch Schutzzone für Spiel­süch­ti­ge),
Haute Cuisine (Schicki-Micki-Bühne mit frustrierten Sterne-Köchen),
Côte d`Azur (Tummelplatz für Billigtouristen),
St. Moritz (dem Bauboom anheimgefallen).

Halten konnte sich bisher die Erste Klasse in der Eisenbahn, aber auch ihr scheint es jetzt an den Kragen zu gehen: Seit März 2017 konnten Kondukteure der Schweizerischen Bundesbahnen test­halber ihren Passa­gieren während der Fahrt ein Upgrade in die 1. Klasse für nur fünf Franken offerieren. Das Angebot gab es nur beim Zugpersonal, sie entschieden in Eigenregie, ob und wann das Billig-Upgrade offe­riert wurde. Seit November 2017 gilt das Angebot nun definitiv für alle Fernverkehrs­züge. Die SBB wollen damit neue Kunden für ihre 1. Klasse begeistern, insbesondere dann, wenn die 2. Klasse vollbesetzt ist. Allerdings braucht man jetzt aber ein Halbtax-Abonne­ment, um in den Genuss des Upgrades zu kommen; zudem wird es auf Reisen die länger als 30 Minuten dauern mit 10 Franken deutlich teurer. Trotz dieser Einschränkungen bleibt aber die Be­fürchtung, dass bald jeder Hinz und Kunz die Erste Klasse der SBB betreten darf.
Bei anderen Bahn­gesell­schaften zeichnen sich leider ähnlich gefährliche Tendenzen ab. Bei der Deutschen Bahn denkt man über fahren­de Schönheitssalons nach, alldieweil in Frank­reich die Zahl der TGV-Haltestellen und das chroni­sche Einnahmedefizit des Hoch­geschwindig­keits­verkehrs re­duziert werden sollen. Dem Snob bleibt da auf lange Sicht wohl nur der Umstieg auf andere Ver­kehrsmittel.
Bei exklusiven Speisen und Genussmitteln kommt ein ähnlich düsterer Trend auf. Trüffeln konnten bis dato ihre Einzigartigkeit bewahren, aber Austern werden allmählich zum Grund­nah­rungs­mittel, dass man mittlerweile schon im Discounter kaufen kann. Bedenklich ist vor allem die Entwicklung bei Kaviar: Wildfang-Kaviar fällt schon seit Jahren unter das Artenschutzabkommen und die Quali­tät von Zucht-Kaviar ist in den letzten Jahren glücklicherweise besser geworden, aber was das Ma­nager Magazin (Online-Ausgabe vom 19.12.2017) schreibt, schreckt auf. In dieser Zeitschrift wird allen Ernstes die These aufgestellt, dass Kaviar zu einem Massenprodukt werden könnte! Um­schrie­ben wird das mit Formulierungen wie „den Kaviar aus seinem "Luxusghetto" holen“ oder „Bis 2020 wird es weltweit 600 Tonnen Kaviar geben, so wird er als komplexes und aromatisches Lebensmittel für viele Genießer verfügbar". Auch wird propagiert, dass man zu Kaviar Bier trinken sollte, anstatt Champagner (wobei ein wahrer Kenner sowieso Wodka zum Kaviar reicht).
Und die gehobene Gastronomie hat es dieser Tage erst recht schwer. Ein gutes Gour­metrestaurant auch profitabel zu führen wird geradezu unmöglich, wenn bei einer Gewinnmarge von 5% nur 10% der Gäste eine Reservierung stornieren. Selbiges passiert in Nobelrestaurants leider öfter, als deren Betreibern lieb ist. Aufsehen erregt hat im Jahre 2017 auch der Fall des Chefkochs des Drei-Sterne-Gourmet­restaurants Le Suquet in Laguiole (Auvergne), der kein Sterne-Koch mehr sein will. Der da­mit ver­bundene Druck wird ihm zu groß und er hat um die Streichung aus dem bekannten Ga­stro­nomie­führer Guide Michelin gebeten. Die Vernetzung der Spitzenköche untereinander führt darüber hin­aus immer häufiger dazu, dass sich die Kreationen alle irgendwie ähneln und man gelegentlich die Speisekarten zweier Re­nom­mier­lokale kaum auseinander halten kann. Und auch die sog. Wein­be­glei­tung, bei welcher zu jedem Gang ein eigener Wein serviert wird und der Blick in die Wein­karte daher überflüssig wird, leistet ihren Bei­trag zum Niedergang des gehobenen Speisens, denn spä­testens nach dem vierten Gang erinnert sich niemand mehr an den Wein zum ersten Gang. Gibt es zwischendurch dann noch einen Likör oder Schnaps und vorneweg natürlich einen Aperitif, dann herrscht ein alkoholisches Durch­einander wie auf einer Oberstufenparty. Dem Snob bleibt da nur der Gang an die Pommesbude.
Die nächste Baustelle eröffnet sich im Bereich Snob und Tourismus. Viele einstmals edle Reiseziele wer­den heute von Pauschaltouristen überrannt. Das gilt nicht nur für Orte wie Venedig, das mit jähr­lich 25 Mio. Besuchern zu kämpfen hat, sondern auch für St. Moritz oder die Côte d`Azur, de­ren Niedergang sich erst seit kurzem abzeichnet. Von anderen, ehemals edlen Zielen wie der Tos­ka­na, die heute nur noch mit billigen Motels übersät ist, sollte man besser gar nicht erst sprechen. Neuerdings gibt es dafür sogar ein eigenes Wort: Overtourism. Nach Venedig trifft es jetzt aber auch weitere europäische Metropolen, u.a. Paris und Brüssel. Seit diese beiden Städte - als Folge einer über Jahrzehnte verfehlten Zuwanderungspolitik - gegen den „Terror“ kämpfen, ist es dort derart un­ge­müt­lich geworden, dass nicht nur ein Snob diese Reiseziele lieber meiden sollte, sofern er nicht eine be­son­dere Neigung zu einer von Paranoia und behördlichem Überwachungs­wahn geprägten Atmos­phäre hegt. Selbige ist nämlich deutlich schlimmer, als irgend­eine terrori­sti­sche Bedrohung. Gele­gent­liche Jubelmeldungen über angeblich verhinderte An­schläge verlieren ohnehin an Kraft, wenn man sich gewahr macht, dass fast alle bisher verübten Terroranschläge von behördlich be­kann­ten Tätern be­gangen wurden oder die mehr als mysteriösen Tatumstände und ihre mangelhafte Auf­klärung („Je suis manipulé“) auf eine Verwicklung der Ge­heim­dienste hindeuten. Wer aber glaubt, dass es nur in Frankreich oder Belgien schlimm ist, der schaut überrascht auf eine Meldung aus Rot­terdam: Dort konfisziert die Polizei jetzt Designerkleidung, Schuhe und Uhren von Jugend­li­chen, wenn sie der Meinung ist, dass der Träger sich diese eigentlich gar nicht leisten kann. Als jugendlicher Besucher der Stadt an der Rhein­mün­dung sollte man folglich nur noch alte Kleidung anziehen, um nicht Gefahr zu laufen von der Po­lizei auf offener Straße entkleidet zu werden. Und generell fragt man sich: Warum sollte ein Snob diese ver­lo­genen Spiele mitspielen?
Zum Glück haben auch Maastricht, Genf und Kopenhagen Snobs einiges zu bieten. Hoffentlich bleibt das so. Selbst Göteborg wäre snobtauglich, so­fern man sich nicht daran stört, dass man in Schweden für Sex seit neuesten eine behördlich an­er­kann­te Einverständniserklärung des Sexual­partners braucht. Und Sex ohne Kondom ist in Schwe­den schon seit längerem praktisch illegal, was en passant die schrumpfende Geburten­rate erklärt. Nebenbei bemerkt eröffnet beides allerdings auch die Tür zum Missbrauch, denn wie will man be­weisen, dass sexuelle Kontakte einvernehmlich waren oder überhaupt nicht statt­ge­fun­den haben? Soll man vielleicht jedes Mal vorher ein Formular unterschreiben? Aber mit etwas Umsicht kann ein Snob diese Klippe umschiffen.
Dennoch stellt sich die Frage, ob man überhaupt in Länder reisen sollte, in denen der Kampf gegen den Terror, die Kriminalität oder gegen Gott-weiß-was allmählich zum Kampf gegen den Bürger mu­tiert. Das gilt noch mehr für (ehema­lige) Kolonialgebiete wie die USA, deren schikanöse Ein­reise­kon­trol­len inzwischen sogar die gut­mütigsten Zeitgenossen abschrecken, und die u.a. mit Ka­nada und Australien immer mehr Nachahmer finden.
Leider verlieren auch Kreuzfahrten immer mehr an Attraktivität, werden diese doch immer mehr zu Massenveranstaltungen mit bis zu oder sogar mehr als 6000 Reisenden pro Schiff. Damit haben Kreuz­fahrten ihren ursprünglichen Sinn (sehen und gesehen werden) vollends verloren. Dass sie auch noch teuer sind, macht die Sache nicht besser.
Es macht also Sinn seine Aktivitäten auf die Regionen zu beschränken, die (noch) nicht der über­bor­den­den Paranoia der obengenannten Länder anheim gefallen sind. Selbst in Osteuropa finden sich Gegenden, die auch für einen Snob geeignet sind, wie z.B. Ungarn mit seiner ausgedehnten Bäder­kultur, und lange Spaziergänge in den rumänischen Karpaten haben auch ihren Reiz. Prak­ti­scher­weise sind Ungarn und Rumänien auch noch mittels Nachtzügen zu erreichen, sodass man nicht fliegen muss. Auch gibt es in beiden Ländern hervorragenden, einheimischen Schaumwein und die lokale Küche ist durchweg bodenständig und authentisch. Mit etwas Glück findet man vielleicht so­gar einen guten Barbier. Ein kleines Reise­tee­set, eine Packung Darjeeling oder Chá Gorreana und einen elektrischen Was­ser­kocher kann man ja sicherheitshalber im Ge­päck haben (Steckdosen und Stromspannung sind kom­patibel).
Schaut man auf gehobene Dinge, die aus dem Snob-Leben verschwunden sind, dann stellt sich die Frage, ob es auch gehobene Dinge gibt, die neu hinzugekommen sind. Diese gibt es, aber es sind unverhältnis­mäßig wenige: Eigentlich nur die Lounge an Flughäfen und Bahnhöfen, die aber auch keine neue Erfindung ist, sondern gewissermaßen eine Neuauflage des Wartesaals Erster Klasse. Und sie wird bereits von Yuppies, Neureichen und anderen Wichtigtuern in Beschlag genommen. Das Lebens eines Snobs wird dadurch nicht leichter.

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