Samstag, 14. Oktober 2017

Snobs und Lounges

Zunächst muss man sagen, dass nicht alles „Lounge“ ist, was sich „Lounge“ nennt. Selbst manche Gaststätten wagen es heutzutage sich „Lounge“ zu nennen, obwohl es sich um einen gewöhnlichen Gastronomiebetrieb handelt. Häufig ist es sehr schwer zu erkennen, was ein Betrieb überhaupt mit einer „Lounge“ gemeinsam haben soll. Der Duden kennt vor allem drei Arten von Lounges: 1. Ge­sellschaftsraum in einem Hotel o.Ä.; Hotelhalle, 2. Bar, Klub mit anheimelnder Atmosphäre, 3. luxu­riös ausgestatteter Aufenthaltsraum auf Flughäfen, in Bahnhöfen, großen Stadien o.Ä. Die De­finition „luxuriös ausgestatteter Aufenthaltsraum“ dürfte wohl am Universellsten sein, allerdings stehen bei Reiselounges naturgemäß die Bedürfnisse der Reisenden im Vordergrund. Exklusiv sind sie nicht. Für den Snob ist eine Reiselounge aber auf jeden Fall besser, als ein gewöhn­li­cher Warte­raum mit ungemüt­lichen Plastik­möbeln.
Dennoch findet man einen Snob nur selten in einer der üblichen Flughafen (Business) Lounges; das gilt sogar für die Erste-Klasse-Lounges diverser Fluggesellschaften. Einen Vielfliegerstatus hat er schon gar nicht. Der Grund ist simpel: Ein Snob fliegt bevorzugt mit einer Chartermaschine oder einem Lufttaxi. Diese starten entweder vom General Aviation Terminal oder von einem kleinen Flug­platz aus (v.a. wenn es sich um eine Propellermaschine handelt). Auf beiden gibt es in der Re­gel keine (Business) Lounges. Ein privater Business-Jet oder eine kleine Propellermaschine ist aber in jedem Fall exklusiver als ein Großraumjet, auch wenn man beim Reisekomfort Abstriche machen muss: Selbst im Business-Jet gibt es keinen Bordservice (höchstens eine kleine Minibar mit ein paar Getränken und Knabbereien zur Selbstbedienung), kein WLAN, kein Unterhaltungsprogramm, keinen Bordeinkauf, nichteinmal Stehhöhe und auch sonst nur wenig Platz. Trotzdem gibt jeder Snob einer Reise in einem Privatflugzeug den Vorzug vor einer Linienmaschine und entsagt damit indirekt auch dem Besuch in einer der üblichen Flughafenlounges, die aber zugegebenermaßen immer noch besser sind als die sonst gebräuchlichen Warteräume.
Am Boden stellt vor allem die erste Klasse der Eisenbahn die bevorzugte Transportart dar, sofern der Snob nicht mit dem Nachtzug-Schlafwagen reist. Die Wahr­schein­lichkeit in einer Bahnlounge einen Snob anzutreffen ist demzu­fol­ge deut­lich höher, als dies für Flug­hafenlounges gilt. Den Rei­senden in der erste Klasse stehen die 15 DB Lounges der Deutschen Bahn und die 7 ÖBB Club Lounges der Österreichischen Bundes­bahn offen, wobei Nachtzugpassagiere in Österreich ebenfalls Zugang zu den Lounges erhalten und der Zugang zu den ÖBB Lounges erst ab 90 Minuten vor der Abfahrt oder bis 90 Minuten nach der An­kunft des Zuges möglich ist. Das Angebot um­fasst für ge­wöhn­lich bequeme Sitzmöbel, alkoholfreie Heiß- und Kaltgetränke, Snacks, Zeitun­gen und Zeit­schriften, Notebook-Arbeitsplätze mit Steckdosen und WLAN, Toiletten und oft auch TV-Nach­rich­ten. Außerdem existieren in vielen europäischen Nachbarländern Bahnlounges, u.a. in Frank­reich, Belgien, den Nieder­lan­den, Spanien und Schweden, wobei das An­gebot und die Qualität recht un­terschiedlich sein können (z.B. sind in Frankreich Getränke kosten­pflichtig).
Weniger verbreitet sind Lounges in Seehäfen. In der BRD existiert derzeit nur eine einzige See­hafen-Lounge im Hafen von Kiel: Die Color Club Lounge der norwegischen Fährgesellschaft Color Line. Reisende nach Oslo erhalten Zugang zur Lounge wenn sie eine gehobene Reiseklasse gebucht haben oder Mitglied im Color Club (Jahresbeitrag € 10) sind. Dafür erhalten sie nach dem VIP-Check-In Zugang zur Lounge mit bequemen Sitzmöbeln, Zeitschriften, Getränken und WLAN. Snobs, die es nach Oslo zieht, werden mit Sicherheit in der Lounge Station machen.
Des weiteren findet man in Innenstädten und in Business Parks oft sog. Business Lounges meist lokaler Anbieter. In diesen erhält man vor allem vollausgestattete Büros zur Tagesmiete. Von ihrem Wesen her sind sie aber auf die Bedürfnisse von Geschäftsleuten zugeschnitten und für Snobs fast immer ungeeignet.
Neuerdings werden in Einkaufszentren und -vierteln Shoppers’ Lounges (auch Customer Lounge genannt) betrieben. Diese dienen dazu den Kunden, die die Möglichkeit haben sich bei Einkäufen die Mehrwertsteuer erstatten zu lassen, die Wartezeit während der Formalitätenabwicklung zu ver­süßen. Das Angebot umfasst bequeme Sitzmöbel, WLAN und Steckdosen, gele­gent­lich auch kalte Ge­tränke. Manch­mal wird sogar eine Gepäckaufbewahrung oder ein Gepäcktransfer für die ge­tätig­ten Einkäufe, ein Personal Shopper Service oder ein Concierge-Service angeboten. Bei­spiele für Shoppers' Lounges sind die Lounge im Londoner Kaufhaus Fraser (Oxford Street branch), die Monte­napo­leo­ne VIP Lounge in Mailand (Via Mon­tenapoleone 23) oder die Global Blue Lounges in Rom (Piazza di Spagna 29) und Mailand (Via Santo Spirito 5). Vor allem bei Global Blue sind weitere Standorte in Planung, u.a. in London, Paris und Madrid. Für Snobs sind diese Lounges nur interessant, wenn er (oder sie) ebenfalls die Mehr­wert­steuer auf Einkäufe er­stattet be­kommt oder gerade keine andere Ruhezone für eine kurze Pause verfügbar ist und die Lounge wenigstens ein Chesterfield-Sofa hat.
Eine Besonderheit stellt die LuxxLounge am Flughafen Frankfurt/M. dar. Zwar handelt es sich hier eindeutig um eine Flughafenlounge, jedoch befindet sich die Lounge außer­halb des Sicher­heits­bereiches, sodass auch Besucher ohne Flugticket Zugang ha­ben, was selbst für ankommende Flug­passagiere interessant sein kann. In einem angenehm ruhigen Ambiente wer­den dem Gast Snacks und Getränke, internatio­nale Tageszeitungen und Magazine sowie inter­natio­nales Fernsehen und kostenfreier PC mit Internet­zugang offeriert. Außerdem bietet die Lounge kom­fortable Sanitär­anlagen mit Duschmöglichkeiten und einen Kon­ferenz­raum. Der einzelne Ein­tritt für bis zu 3 Stun­den Aufenthalt liegt bei € 30, es gibt aber auch eine Tageskarte oder eine Jah­res­mitgliedschaft. Da der Flughafen Frankfurt/M. auch ein wichtiger Bahn- und Fernbusknoten­punkt ist, können ebenso Besu­cher die am Frankfurter Flughafen nur umsteigen ohne zu fliegen die Lounge besuchen. Folg­lich könnte sogar ein Budget-Snob, der aus Kostengründen mit dem Fernbus unterwegs ist, seinen Um­steigestopp so legen, dass er die LuxxLounge besuchen kann, selbst wenn dadurch die Kosten­ersparnis des Fern­busses zunichte gemacht wird.

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