Dienstag, 8. August 2017

Snobismus und Niedergang

Viele gehobene Dingen des Le­bens sind in den letzten Jahrzehnten auf der Strecke ge­blie­ben, u.a. Luxuszüge (der TEE war der letzte seiner Art), Ge­päck­trä­ger (fin­det man nur noch sehr selten), die Concorde (die letzte Maschine ist unrühmlich abgestürzt), Bord­ser­vice im Flugzeug (kostet jetzt extra), Wildfang-Kaviar (Arten­schutz) und das Kapitänsdîner auf Kreuz­fahr­ten. Selbst die Spiel­casinos sind vom Tummelplatz der gehobenen Art zur Schutzzone für Spiel­süch­ti­ge geworden.
Als nächstes wird es wohl die Haute Cuisine und die Côte d`Azur treffen.
Bei ersterer kann man zumindest für Deutschland getrost sagen, dass es sich um ein elitäres Netzwerk von Sterne-Köchen handelt, die untereinander bestens vernetzt sind. Das führt natürlich auch dazu, dass sich die Kreationen alle irgendwie ähneln und man gelegentlich die Speisekarten zweier Renommierlokale kaum auseinander halten kann. Neuerdings geht dies oft auch mit einer sog. Weinbegleitung einher, bei welcher zu jedem Gang ein eigener Wein serviert wird und der Blick in die Weinkarte überflüssig wird. Es erinnert ein wenig an das Zappen durch verschiedene Fernsehkanäle, wenn man sich spätestens nach dem vierten Gang nicht mehr an den Wein zum ersten Gang erinnert. Zwischendurch gibt es dann noch einen Likör oder Schnaps und vorneweg natürlich einen Aperitif – ein alkoholisches Durcheinander wie auf einer Oberstufenparty.
Die Côte d`Azur hat dagegen ein ganz anderes Problem. Durch die hohe Besteuerung von Boots­treib­stoffen entsteht für die Schiffseigner der Anreiz in Italien oder Spanien zu tanken, was bei einer 42-Meter-Yacht schnell einen Betrag von über € 20.000 ausmachen kann. Rechnet man noch die Mehr­belastung an Sozialabgaben für französische Crewmitglieder hinzu, dann kann man nach­voll­ziehen, warum die Yachtbranche Südfrankreichs über hohe Einnahmeverluste klagt. Alleine im Hafen von Saint-Tropez sind die Umsätze dieses Jahr um etwa 30% eingebrochen. Was aber ist die Côte d`Azur ohne ihre Luxusyachten?
Für den Snob bedeutet dies, dass er (oder sie) sowohl die Haute Cuisine als auch die Côte d`Azur neu bewerten muss. Ein gastronomisches Angebot, welches seinen künstlerischen Anspruch derart überreizt hat, sollte wieder zu seinen Ursprüngen zurückgeführt werden. Im Notfall sollte man als Snob sogar einer deftigen Bauernmahlzeit den Vorzug geben. Und die Côte d`Azur ist sowieso schon lange viel zu überlaufen, als dass sie noch für Snobs interessant wäre. Außerdem sind die Nachtzugverbindun­gen ab Luxemburg und Straßburg eingestellt. Warum also nicht woanders hin fahren, an den Lago d`Iseo, zum Beispiel?

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